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Sonntagspantoffeln und Wein in Plastik­kannistern

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In einer Stadt wie Berlin steht ein Wochenmarkt für Folklore und Ökobewusstsein. Auf dem Land in Südfrankreich, in diesem leeren Fleck auf der Landkarte zwischen Toulouse und den Pyrenäen gehört er so bedingungslos zum Leben wie der morgendliche Café.


Für uns Kinder war er jedes Mal ein Fest, bekamen wir doch an jedem zweiten Stand eine Leckerei in die Hand gedrückt: Hier etwas Brioche beim Bäcker, dort ein saftiges Stück Melone oder eine Scheibe gereiften Ziegenkäse.

Zum Markt gehen ist keine schnelle Sache, man sollte den ganzen Vormittag einplanen. Man putzt sich heraus zum wöchentlichen Einkaufen: Die Sonntagspantoffeln werden noch einmal kurz ausgebürstet, die Arbeitsschürze wird gegen die geblümte Variante „für gut“ ausgetauscht. An diesen Tagen fährt der Bus sogar viermal täglich zum nächstgrößeren Städtchen, anstelle von zwei Mal.

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Am Markt angekommen führt der erste Weg erst einmal zum Café. Ausnahmsweise sind alle Tische voll besetzt, angeregte Gespräche machen die Runde, die Neuigkeiten einer ganzen Woche werden ausgetauscht.

Mit dem Gang entlang der Stände beginnt auch ein Frage-Antwort-Spiel in Endlosschleife. „Und wie geht es ihnen heute, was macht das schlimme Knie? Und die Frau? Die Kinder? Die Familie? Und die Nachbarin, die mit den langen Beinen? Fantastisches Wetter heute, nicht?“

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Was sich anhört wie Smalltalk de luxe ist nur zum Teil oberflächliches Geplänkel, gemischt mit einer Portion Neugierde, aber auch echter Anteilnahme. Die Gespräche werden nicht vergessen und so erfährt man jede Woche eine Winzigkeit mehr über die Anderen, wächst mit der Zeit zu einer Gemeinschaft zusammen.

Die Grundvoraussetzung dieses Systems ist die Zeit: jene Zeit, die man sich nehmen muss und jene Zeit, die man geben muss. Obwohl nur zwei Personen in der Schlange stehen, kann es über eine halbe Stunde dauern – wer meckert oder schnauft hat verloren, die Türen der Gemeinschaft schlagen sich für ihn zu.

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Das Schlendern durch Berge von Obst, Gemüse, Marmeladen und Leckereien führt leicht in Versuchung. Hat man erfolgreich Kuchen und Frühlingsröllchen widerstanden, blickt man unvermutet in die Kulleraugen eines kleinen Kätzchens, das zu verschenken ist. Oder man steht plötzlich vor diesem alten, kleinen Mönch in brauner Kutte, der Pyrenäenhonig für 8 Euro pro Glas verkauft. Was so teuer ist muss doch gut sein? Und gesegnet noch dazu. Oder man wettet zum Spaß bei einem Schafrennen mit und übersieht, was es zu gewinnen gibt. Nur um anschließend zu überlegen, wie man diesen elenden Gewinner-Schafbock mit den flinken Füßen nach Hause schaffen könnte.

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Als Abschluss werden noch die Weinreserven aufgefüllt. Wer in dem hübschen Lädchen mit den vielen Holzfässern auf stilvolle Glasflaschen hofft, wird enttäuscht. In der Grande Nation wird der Landwein zu je 5 oder 10 Litern in schnöde Plastikkannister gefüllt.

Wenn die Sonne ihren höchsten Stand erreicht und die Händler anfangen, ihre Waren einzupacken, ist es Zeit den Markt zu verlassen. Die Taschen mit frischem Obst und Gemüse aus der Umgebung gefüllt, den Kopf voller Neuigkeiten und Tratsch… und vielleicht einem Schafbock an der Leine.

Ein Kommentar

  1. Ulrike Ulrike

    Katja das ist eine traumhafte Beschreibung Deiner(unserer) Jahre in Frankreich. Voll auf den Nagel getroffen. Hut ab. Zeit hat dort wirklich eine andere Dimension, toll es erlebt zu haben.

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